Gibt es Marktchancen für das Hybrid-Piano?

Zum Schluss wollen wir einen Blick auf die Entwicklung der aktuellen Nachfrage werfen. Wir wollen untersuchen, ob das Hybrid-Piano den Markt beleben könnte. Dazu müsste diese Idee auf echte Sehnsüchte und Bedürfnisse der Tastenspieler treffen, dementsprechend die Phantasie beflügelnde Resonanzen auslösen, um für die Hersteller zu einem reizvollen Thema zu werden.

Zum Seitenanfang Eine kurze Marktanalyse

Der Markt für klassische Musik

Dieser Markt unterteilt sich in

  • Noten und somit die Abbildung bereits bestehender Kompositionen
  • CD, DVD und Video, die an der Herstellung beteiligten Studios, der Vertrieb und Plattformen im Internet
  • Konzerte, Künstler sowie die Organisation der Veranstaltung
  • Klassische Musikinstrumente, deren Hersteller und Händler
  • Musikunterricht, Musiklehrer und Musikschulen
  • Software für Notensatz, Gehörschulung, Musiklehre, Komponieren, etc.
  • Literatur rund um die klassische Musik

Klavier wird nach wie vor gespielt, denn wie eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung am 30. Juli 2010 ermittelt hat, liegt die Klassik den Deutschen immer noch am Herzen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. Juni 2010 wird sogar die Meinung vertreten, 70 Prozent der Deutschen würden gerne Klavier spielen, wenn sie es denn könnten. Die Grundlage für diesen Wunsch ist die hohe Anerkennung und Wertschätzung des handwerklichen Könnens. Denn Können ist und bleibt das Ergebnis von investierter Zeit und Energie. Um eine konkrete Zahl zu nennen: Man spricht von einem Könner bzw. Meister, wenn er sich mindestens 10.000 Stunden mit seinem Thema praktisch auseinander gesetzt hat.

Trotz dieser hohen Anerkennung gegenüber den Künstlern ist die Nachfrage an klassicher Musik auf CD und DVD rückläufig. Zum einen mag dafür die Tatsache verantwortlich sein, dass sich der gesamte Markt für CD und DVD dank der Streaming-Möglichkeiten aus dem Internet auf dem Abwärtstrend befindet. Aber auch die Schnelligkeit der Globalisierung trägt ganz wesentlich zu der veränderten Einstellung gegenüber der Klassik bei. Wie ich weiter unten erläutern werde, liegt hierin eine Chance für die Klassik, nämlich den regionalen Bezug und somit die Wurzeln zur Heimat zu stärken.

Letztendlich sind auch die klassischen Konzerte von der innerhalb kürzester Zeit verloren gegangenen Wertschätzung der eigenen Kultur betroffen. Im Publikum mangelt es daher an jungen Klassik-Fans. Gegen diesen Trend arbeiten bislang nur wenige Konzertveranstalter sowie Musiker erfolgreich: Hervorzuheben sind hier die Berliner Philharmoniker mit einer ganzen Reihe von interessanten Projekten unter dem Stichwort Education sowie der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim mit seiner Idee vom Musikkindergarten, die sich bereits als neues Angebot in vielen Gemeinden etabliert hat. Insgesamt steckt die klassische Musik in der Zukunftskrise. Den Abwärtstrend bestätigen die neusten Zahlen der deutschen Klavierhersteller:

  • Die Produktionszahlen sind weiterhin rückläufig.
  • Die deutschen Hersteller verkaufen in Deutschland hauptsächlich Zweit- und Drittmarken Made in China.
  • 65 Prozent der in Deutschland hergestellten Klaviere und Flügel werden im Ausland gekauft.
  • Schon längst bezeichnen die Klavierhersteller Europa als einen Gesättigten Markt. Daher ist die Bereitschaft höher, den neuen Märkten in China zu folgen, anstatt die Märkte vor Ort mit reizvollen Impulsen zu reanimieren. Der Geist unserer Urgroßväter, die noch nach maximaler Qualität strebten, ist längst von dem Ungeist der höchstmöglichen Gewinnnmargen verdrängt worden.

Wenn man sich den Werbefilm des japanischen Herstellers Kawai betrachtet, dann bekommt man eine Ahnung davon, warum nicht nur der weltgrößte Klavierhersteller aus Japan kommt, sondern auch 50 Prozent der Klavierspieler aus Deutschland mit japanischen Marken zufrieden sind:

Kann sich die deutsche Klavierindustrie gegen den Untergang noch wehren, oder sind die Signale aus der Klavierbranche lediglich ein Satz eines Requiems, das durch den Konzertsaal der Deutschland AG donnert? Wie glaubwürdig sind die neuen Konzepte, wenn erfolgreiche Partner wie Yamaha bei Schimmel aussteigen? Wo sind die Hoffnungen geblieben, auf der Klaviatur des Weltmarktes mitspielen zu können?

Zum Seitenanfang Kann man Erfolg einfach kopieren?

Erfolgsgeschichten, die zum Nachmachen einladen

Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Firma Yamaha bereits mehrfach erwähnt worden ist. Ist Ihnen bekannt, dass Yamaha der mit Abstand größte Hersteller von Klavieren ist? Nein, dann wissen Sie vermutlich auch nicht, dass Yamaha ein Drittel seiner Pianos mit integrierter Elektronik verkaufen konnte? Sie wollen wissen, wie man diese Leistung in das richtige Verhältnis setzen kann? Hier einige Zahlen:

  • Der Weltmarktführer Yamaha hat im Zeitraum von rund 100 Jahren in Japan über 6 Millionen Klaviere und Flügel produziert.
  • Ein guter deutscher Klavierhersteller wie Schimmel konnte im gleichen Zeitraum rund 350.000 Pianos herstellen.
  • Die amerikanische Premiummarke Steinway hat es im Vergleichszeitraum auf mehr als 600.000 Instrumente gebracht.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von Yamaha? Es sind sicherlich mehrere Faktoren für den Erfolg verantwortlich. Aber nachahmenswert erscheint mir ein wesentlicher Vorgang, der wie ein Katalysator auf den Produzenten von Musikinstrumenten gewirkt haben muss. Das war die Entscheidung der Japaner, dass jedes Kind in Japan ein Musikinstrument lernen sollte. Der Hintergrund dieser nationalen Entscheidung war die Vorwegnahme der Erkenntnisse, die uns heute von den Neurologen nachgeliefert werden: Musizieren wirkt sich positiv auf die Entwicklung aus.

Wenn wir also etwas kopieren sollten, dann ist es die Entscheidung für eine intensive da lohnenswerte Auseinandersetzung mit der Musik. Seltsamerweise studieren wir Krankheiten, um herauszufinden, was Gesundheit ist, und rechtfertigen diese Vorgehensweise als wissenschaftlich. Daher erlauben Sie mir gleich am Anfang den Hinweis, dass z.B. bei schweren Hirnverletzungen die Musiktherapie im Vergleich zu anderen Therapien unbestritten die wirkungsvollste Hilfe bietet.

Hinsichtlich der Entscheidung der Japaner zugunsten der optimalen Entwicklung der Kinder wissen wir heute dank der Erkenntnisse der Hirnforschung, dass sich die positive Wirkung des Musizierens nicht auf die Heranwachsenden beschränkt. Vielmehr lässt sich das Musizieren für jede Entwicklungsphase nutzen.

Um Musik in der ganzen Bandbreite der Möglichkeiten sinnvoll nutzen zu können, könnte ein erster Schritt darin bestehen, entsprechend funktionale Werkzeuge für Musikinteressierte zu entwickeln, die einen vielfältigen Zugang zur Musik erlauben. Es gilt für die Kunden Mehr-Wert zu schaffen. Daher sollte die Orientierung bei der Entwicklung der Instrumente (= Werkzeuge) auf der erfolgreichen und das heißt genau genommen auf der einfachen Nutzung liegen.

Apple macht es gerade mit den so genannten Apps (= Anwendungsprogrammen) für iPhone, iPod touche und iPad vor, wie man mit

  • einfacher Bedienbarkeit,
  • vielfältigen und
  • individuell kombinierbaren Anwendungen sowie
  • im Zweifelsfall durch die Erfindung eines technischen Mediums (dem iPad)

einen neuen Markt inszenieren und erobern kann. Dazu nutzt Apple interessanterweise ein Ur-Element der Kommunikation, nämlich die Zeigegeste, mit der man diese elektronischen Plattformen bedienen kann. Das Bedienen der Geräte ist aber genau genommen bereits eine Form der Kommunikation und daher sind die Anwender gerade solch intuitiven Zugängen gegenüber aufgeschlossen. Schließlich ist der Mensch ein soziales und somit kommunikatives Wesen. Einfachheit in der Nutzung löst in diesem Fall sogar bei den technologiefernen Kunden Faszination, Begeisterung und letztlich Kauflust aus. Sie haben es beim Lesen dieser Zeilen längst erkannt: Auch Erfolg kann einfach sein!

Aus der Kategorie der Hybrid-Pianos bietet das Modell AvantGrand von Yamaha den Nutzern ein solches App: Es ermöglicht zusätzlich zum ganz normalen Spielen das Einspielen und Speichern eines Parts, um zum Beispiel mit sich selbst vierhändig Klavier spielen zu können. Der zweite Part wird dann live zu dem gespeicherten ersten Part gespielt. Dafür wird dem Anwender genau eine Spur zum Aufzeichnen sowie für die anschließende Wiedergabe angeboten. Das sind noch nicht viele Möglichkeiten, sondern lediglich eine weitere Möglichkeit. Doch diese Erweiterung der grundsätzlichen Möglichkeiten trägt dazu bei, für die Klavierspieler einen Mehr-Wert zu erzeugen.

Zum Seitenanfang Augen auf vor der Wirklichkeit

Die Wahrheit über das Hybrid-Piano

Bis September 2012 standen an dieser Stelle Überlegungen zu Johann Sebastian Bach, um das Thema abzurunden. Inzwischen habe ich erkannt, dass das Ende des Themas Hybrid-Piano offen ist. Meine bisherigen Überlegungen beruhten auf der Idee, dass man mit dem Hybrid-Piano für den Klavierspieler einen Mehr-Wert erzeugen könnte. Dabei habe ich den aktuellen Trend berücksichtigt, dass sich nämlich der Musikgenuss verstärkt hin zum aktiven Musizieren verlagert. Dahinter steckt das Bedürfnis, aus dem Gefängnis des passiven Konsumenten ausbrechen und den eigenen Lebensraum gestalten zu wollen. Dazu bieten sich die neuen digitalen Möglichkeiten an, indem man die eigenen Gefühle nicht nur musikalisch ausdrückt, sondern das Ergebnis auch speichern, bearbeiten und somit in einen über das reine Musizieren hinausgehenden Prozess einbinden kann, an dessen Ende eigene Werke stehen. Dieser Trend lässt sich an dem Angebot der Musikschulen von Yamaha ablesen. Die von Yamaha 1954 gegründeten Musikinstitute hatten im Jahr 2010 in 40 Ländern immerhin 710.000 Schüler. Seit 2012 stehen die Fächer Improvisation und Komposition als Standardleistungen auf dem Lehrplan dieser Einrichtungen.

Doch um einen Mehr-Wert für den Klavierspieler im Zusammenhang mit einem aktuellen Trend geht es der Industrie gar nicht, wie das folgende Video der Präsentation des V-Piano Grand der Firma Roland zeigt:

Demnach geht es bei dem Hybrid-Pianos lediglich darum, den digitalen Inhalt kultiviert zu verpacken, dem digitalen Inhalt also den äußeren Anschein eines echten Pianos zu geben. Nun erklärt sich für mich auch, warum diese Hybrid-Pianos hinsichtlich der Möglichkeiten so bescheiden ausgestattet sind. Bislang dachte ich: Wenn es um Mehr-Wert geht, warum packt man dann nicht ordentlich Werte hinein? Nun verstehe ich, dass der Mehr-Wert nicht in den Möglichkeiten und Potenzialen sondern im Äußeren nämlich in der Verpackung zu suchen ist.

Es mag angehen, dass die kultivierte Verpackung von digitalen Inhalten für einen Produzenten von e-Pianos wie die japanische Firma Roland einen Mehr-Wert darstellt. Aber wenn sich ein deutscher Klavierhersteller mit einer 1853 beginnenden Tradition wie im folgenden Beispiel auf diese Art und Weise ohne Not zum Mehr-Wert-Schreiner verändert, stelle ich mir die Frage, was der Grund für eine derartige Entscheidung ist.

Zum Seitenanfang Worauf begründen eigentlich die Entscheidungen deutscher Klavierhersteller?

Schattensprung eines deutschen Klavierherstellers

2012 präsentiert der deutsche Klavierhersteller Blüthner aus Leipzig ein neues Produkt: Das e-Klavier. Dabei lässt sich Blüthner laut der eigenen Homepage von einem hohen Ziel leiten, denn sie wollen mit dem neuen Produkt dem Klang der akustischen Klaviere möglichst nahe kommen.

Das würde zum einen voraussetzen, dass man diesen guten Klang der akustischen Klaviere bereits erreicht hat. Nun diese Voraussetzung war auch erfüllt. Allerdings ist das schon eine Zeit lang her. Denn zwischen dem romantischen Wohlklang des Pianofortes und der Klangnorm des modernen Klaviers bestehen offensichtlich deutliche Unterschiede. So interpretiere ich die folgenden Zahlen, die das Käuferverhalten der Klavierspieler abbilden, das ja ein den Markt gestaltendes Signal sein könnte, wenn es als solches von den Produzenten wahrgenommen würde:

  • 2011 wurden in Deutschland insgesamt circa 13.000 neue Klaviere verkauft.
  • Im gleichen Jahr wurden aber auch 40.000 gebrauchte Klaviere gekauft.

Die Firma Blüthner scheint sich jedoch an der dritten und bislang noch nicht genannten Zahl der im Auftrag von Bechstein ermittelten Statistik zu orientieren, denn 2011 wurden in Deutschland zusätzlich 65.000 Digitalpianos gehandelt. Also steigt man in diesen Markt der e-Pianos ein und verbindet das Überschreiten der bislang für einen deutschen Klavierbauer bestehenden Grenze mit dem bereits erwähnten Ziel, mit den digitalen Produkten dem Klang der akustischen Instrumente möglichst nahe kommen zu wollen.

Immerhin kommt in die Produktpalette der deutschen Klavierhersteller Bewegung, denn auch ein zweiter renommierter Klavierproduzent ist nun bereit, die Segnungen der neuen Zeit als Eigenentwicklung mit dem Qualitätssiegel Made in Germany in seine Instrumente zu integrieren, wie das folgende Beispiel zeigt.

Zum Seitenanfang Woher kommt eigentlich die Formulierung vom Entwicklungs-SPRUNG?

Bekannte Produkte neu designed in Deutschland

Besser da zukunftsorientierter aufgestellt ist der deutsche Klavierbauer Bechstein mit der selbst entwickelten und 2012 präsentierten Stummschaltung im Bechstein-Vario. Dieses Angebot passt in die Zeit, da wir lärmsensibler geworden sind. So verkünden es alle Anbieter einer entsprechenden Variante der so genannten STUMM-Schaltung. Aber Moment mal, hier geht es doch gar nicht um Lärm. Beim Klavier spielen geht es doch um Musik im Allgemeinen und Wohlklang im Besonderen, oder nicht?

Das Angebot passt in die Zeit, da Bechstein in dem Werbevideo auf der gleichen Seite der Homepage ausdrücklich dafür wirbt, dass man mit dem Bechstein-Vario aufgrund der zum Klavier nahezu identischen Anschlagsdynamik zusätzlich ein vollwertiges Midi-Masterkeyboard erhält. Dadurch bekommt man unter anderem die Möglichkeit zum Anschluss an das Programm Cubase aus der einstmals deutschen Softwareschmiede Steinberg, die 2004 von Yamaha übernommen worden ist. Das Software-Programm Cubase ist ein Alleskönner in Sachen Musikproduktion. Die neueste Leistung dieses Programms besteht darin, dass man Melodien mittels Gesang aufzeichnen kann, die man anschließend mit VST-Instrumenten (= Virtual Studio Technology) belegen kann. Das heißt im Klartext: Diese Software ermöglichst uns bereits die Musikproduktion ohne den Umweg, erst ein Musikinstrument lernen zu müssen. Auch das ist möglicherweise ein Trend.

Zu dem oben erwähnten Masterkeyboard ist noch anzufügen, dass laut Wikipedia ein Masterkeyboard lediglich eine Klaviatur...ohne eigene Klangerzeugung ist. Wenn sich ein Klavierhersteller damit rühmt, dass diese Leistung ein Fortschritt ist, dann könnte man die Frage stellen, wie es denn mit dem Bemühen um den guten Pianoklang bestellt ist, der traditionell die Kernleistung des Pianofortes war. Ist man tatsächlich wie in dem erwähnten Beispiel des e-Klaviers von Blüthner bereit, diese Leistung an die digitalen Klangmodule abzutreten? Diese Frage drängt sich bei der Gelegenheit insofern auf, da ein richtiges Masterkeyboard mehr kann, als lediglich die Tasten mit einer angenehmen Spielart zu bewegen.

Das Masterkeyboard ist über die Klaviatur hinaus die Steuereinheit der MIDI-Daten. Vergleicht man die Steuermöglichkeiten eines solchen MIDI-Masterkeyboards in dem folgenden Video (Kurzweil PC3 Performance Controller Keyboard) mit der Klaviatur eines Klaviers, dann stellt man doch erhebliche Unterschiede fest und kommt schnell zu der Schlussfolgerung, dass selbst ein Silent Piano aus Deutschland noch lange kein vollwertiges MIDI-Masterkeyboard ist, nur weil es über einen angenehmen Klavieranschlag verfügt:

Gerne hätte ich Ihnen ein Video mit deutscher Erläuterung angeboten. Aber ich habe keines gefunden. Das ist möglicherweise ein Hinweis darauf, dass der deutsche Markt für diese Produkte im Bewusstsein der Hersteller bislang keine Rolle spielt.

Zum Seitenanfang Wenn sich Innovation wieder mit Made in Germany vereint

Mut zum Träumen: Das i-Piano

Ludwig van Beethoven lebte von 1770 bis 1827. In dieser Zeit fanden auch die für den Klavierbau wesentlichen Entwicklungen statt. Naturgemäß kam es zu einem intensiven Austausch zwischen Komponist einerseits und den Klavierbauern andererseits. Die Wiener Klassik sowie das für diese Musik immer wichtiger werdende Pianoforte beeinflussten sich in ihrer Entwicklung gegenseitig. Beethovens beginnende Taubheit unterstützte zum Beispiel entsprechende Entwicklungen der Flügelmechanik durch Broadwood. Bereits 1790 führte Sebastien Erard den dreichörigen Saitenbezug ein. Erard schenkte Beethoven 1803 einen solchen Flügel, der aufgrund seines stärkeren Bezugs lauter war. Broadwood schenkte Beethoven 1817 einen Hammerflügel mit der lauteren Mechanik, bei der wie einst bei Bartolomeo Cristofori, dem Erfinder der Hammermechanik, Stoßzungen zum Einsatz kamen. Beethoven soll darüber hinaus aber auch schon ein vierchöriges Piano von Conrad Graf besessen haben. Dem Pianisten und Komponisten kamen diese lauteren Instrumente wegen der eingangs bereits erwähnten beginnenden Taubheit entgegen. Und so prägten die Leistungen der Klavierbauer, über die Mechanik sowie das Saitenvolumen lauter spielen zu können, die Kompositionen von Beethoven, der seinerseits die Musikgeschichte entsprechend beeinflusst hat.

Nehmen wir einmal an, so ein musikalisches Genie würde heute leben. Welche Musik würde es machen? Welche Instrumente würde es nutzen?

i-Piano

Schenken wir diesem Vorbild doch einfach ein Superpiano, das den heutigen Stand der Technik integriert. Nennen wir es zeitgemäß i-Piano©. Wie würde das i-Piano© seinen Umgang mit der Musik beeinflussen? Würde er sich freiwillig auf ein kleines Spektrum beschränken oder die Möglichkeiten der zusätzlichen Gestaltung der Musik mittels neuer Dimensionen des Klangs sowie den Effekten bestehend aus einem Vibrato, Crescendo sowie der Intonation der Tonhöhe begeistert einsetzen? Wie jeder Mensch,

  • der als Komponist Musik gestalten will,
  • der Musik als einen Bereich betrachtet, über den er die Vielfalt nur schwer in Worte zu fassender Empfindungen und Phantasien ausdrücken will,
  • der darüber hinaus die kreative Arbeit mit der Musik als einen Spielraum entdeckt hat, über die er innere Spannungen abbauen und gleichzeitig produktiv kanalisieren kann,

würde er die neue Vielfalt der Möglichkeiten vermutlich dankbar aufgreifen, damit spielen, gestalten und heutzutage als ein Popstar den Zeitgeist beeinflussen. Auf der Grundlage dieser Gedanken bekommen die heute lebenden Pianisten in ihrer Rolle als Interpreten die Lizenz zum Überschreiten der bisherigen Grenzen der Interpretation. Genau genommen bekämen die Pianisten mit dem i-Piano© das Werkzeug an die Hand, mit dem sie sich bedeutend aufwerten könnten. Denn sie würden aufsteigen aus der Rolle des an enge Grenzen gebundenen Interpreten. Sie kämen mit dem Komponisten schon beinahe auf Augenhöhe, wenn sich in der Klassik nämlich das verloren gegangene Gut der Improvisation reanimieren lässt. In der Zeit, als die Komponisten noch den Anfang und das Ende ihrer Werke offen ließen, hatten sie offensichtlich noch eine höhere Wertschätzung gegenüber der Kompetenz der Musiker, die ihre Werke spielten. Dieser Respekt gegenüber den Künstlern ist mit der Festschreibung der kompletten Komposition sowie den konkreten Anweisungen zur Ausführung verloren gegangen. Die Pianisten könnten mit dem i-Piano© verlorenes Terrain zurückgewinnen.

Welche Potenziale lassen sich darüber hinaus in der Idee vom i-Piano© entdecken? Klären wir zuerst einmal diese gewagte Bezeichnung. Wissen Sie, wofür das i- vom iPod, iPhone, iPad steht? Es ist der Hinweis auf die Verbindung des Players iPod, des Telefons iPhone, des Tablet-PCs iPad zum Internet. Wofür aber steht das i- vor dem Piano? Es steht für innovativ, da das i-Piano© ein Instrument für einen neuen Umgang mit der Musik sein wird. An diesem Maßstab müsste es sich als Kreativ-Werkzeug messen lassen, und gleichzeitig würde daraus der Mehr-Wert für das Produkt entstehen, das die Klavierspieler den Klavierbauern aus den Händen reißen werden. Und da wir gerade am Träumen sind, brauchen wir uns bei der gedanklichen Vorstellung der Auswirkungen auf die Klassik-Szene keinerlei bestehenden Grenzen unterwerfen:

  • Die scheinbar alte Musik würde mit einem solch umfassenden Instrumentarium aufleben, wenn die bisherigen Interpreten aus ihrer Rolle ausbrechen, und die neuen Möglichkeiten im Rahmen der Improvisation überzeugend einbinden, um ihr Publikum zu einer begeisternden Reise in neue Klangwelten auf der Basis bekannter Melodien einzuladen.
  • Das Klavierkonzert würde dem Zuhörer bislang nicht einmal erträumte Klangdimensionen und somit eine völlig neue Erlebnisqualität bieten.
  • Das Spektrum der klanglichen Möglichkeiten würde exorbitant ansteigen. Jedes Konzert würde dadurch zu einem Unikat.
  • Im Zuge dieser Entwicklung würde das klassische Konzert multimediafähig und die Musik mittels Licht- und Bildelementen zu einem noch intensiveren Erlebnis. Das ist nichts Neues für die Klassik, das gab es ja bereits mit der Feuerwerksmusik 1748 von Georg Friedrich Händel.
  • Die CD-, DVD- und Video-Produktion würde die klassische Musik als einen Wachstumsmarkt entdecken. Die Studios müssten anbauen. Mobile Studios würden sich einer stärkeren Nachfrage erfreuen. Die Pianisten könnten mit ihrer Piano-Performance völlig neu brillieren und es würde ein neuer Markt für bühnen-, film- und videoreife Inszenierungen entstehen. Regisseure würden neue Aspekte in das klassische Konzert integrieren.
  • Die Klassik selbst stünde somit möglicherweise vor einer bislang nirgends antizipierten Renaissance, wenn man das Wunder realisieren kann, dass nämlich der bereits erreichte Vollwertklang des akustischen Klangkörpers erhalten bleibt.

Fazit: Ein in mehrfacher Hinsicht darnieder liegender Markt würde über ein derartig innovatives Produkt wie das i-Piano© quasi in neuer Blüte erstehen und dauerhaft wachsen. Das Wachstum ist für die Instrumentenhersteller aufgrund der Integration der digitalen Möglichkeiten garantiert. Der stolze Besitzer eines zukunftsfähigen i-Piano© kann nun je nach Bedarf Klangmodule, Kompositionswerkzeuge, etc. nachrüsten. Der konstruktiven Phantasie eines phantastischen da die Kundenwünsche übererfüllenden Marketings sind keine Grenzen gesetzt! Und der alte Kontinent Europa könnte wieder die Führungsposition in der Musikkultur übernehmen, falls es einem Klavierhersteller aus Europa gelingt, diese große Idee mutig aufzugreifen und zu realisieren.

Die Verbindung aus Tradition und Innovation kann man folgendermaßen übersetzen: Werte erhalten und gleichzeitig Mehr-Wert erzeugen! So lautet mein Vorschlag eines Marketing-Konzepts für den deutschen Klavierbau, um die Fragen des Marktes bestehend aus Sehnsüchten und Trends mit den dazu passenden Produkten beantworten zu können.

Zum Seitenanfang Premium ist der Erste!

TransAcoustic - dem Klavierspieler die Türen zur Klangvielfalt öffnen

Häufig werde ich gefragt, was ich glaube, wer wohl als erster so ein Hybrid-Piano realisieren wird. Darauf antworte ich, dass laut der Besucherstatistik dieser Homepage das Interesse für dieses Thema in USA aber vor allem in Asien wesentlich ausgeprägter zu sein scheint als in Europa. Wenn diese Idee in naher Zukunft umgesetzt wird, dann wahrscheinlich von der Premiummarke Yamaha. Sollte es erst später sein, dann kommt das neue Piano aus China. Dabei ist mir natürlich bewusst, dass Deutschland damit wieder eine große Chance verpasst hat, sich hinsichtlich des eigenen Kulturguts innovativ zu präsentieren.

Wir schreiben inzwischen August 2014. Es zeigt sich, dass heute Premium ist, wer Erster ist. Es gibt neue Nachrichten und wie erwartet kommen sie von Yamaha. Anfang 2014 wurde von dem japanischen Multikonzern ein neues Piano mit dem Namen TransAcoustic vorgestellt. Es zeichnet sich durch die folgenden Leistungen aus:

  • Es ist ein vollwertiges akustisches Piano. Das heißt, es verfügt über eine Hammermechanik, 88 Tasten, Saiten und einen Resonanzboden.
  • Es beinhaltet die Technologie und Möglichkeiten des Silent-Pianos.
  • Die Lautstärke lässt sich aber nicht nur wie beim Silent-Piano an- und ausstellen, sondern (bei den digitalen Klängen) leiser oder lauter stellen.
  • Der Spieler kann zwischen dem originalen akustischen und 19 verschiedenen digitalen Klängen wählen.
  • Der Klavierspieler kann darüber hinaus die akustischen und digitalen Klänge mischen.
  • Man kann verschiedene Spuren aufzeichnen und sich selbst live dazu begleiten.
  • Das Instrument verwendet als Verstärker keine Lautsprecher sondern den Resonanzboden sowie die Saiten, wodurch der digitale Klang einen neuen Klangcharakter bekommt.

Sehen und hören Sie selbst:

War es das jetzt? Ist Yamaha also der Gewinner? Ein klares: Jein! Der japanischen Premiummarke gebührt die Anerkennung für den Mut, Erster gewesen zu sein, sowie für die innovativen Fortschritte, dass man Klänge mischen kann und sich stärker am natürlichen Klangkörper als an Lautsprechern orientiert. Doch Yamaha hat sich selbst und somit auch allen Mitbewerbern noch viel Luft nach oben gelassen. Wer sich also der Herausforderung stellen will, für den ist es noch nicht zu spät, sich im Kampf um die Herzen der musiksensiblen und durchaus sehr verspielten Kundschaft mit Verbesserungen der Vorleistung zu positionieren. Sie fragen sich, wie man eine derartige Neuigkeit noch überbieten kann? Nun z.B.

  • indem man dem Klavierspieler nicht mehr nur fertige Klangmuster anbietet, aus denen man ihm eine Auswahl gewährt, sondern ihn dazu autorisiert, die Klänge selbst zu gestalten, wie das mit entsprechender Software längst Standard ist,
  • indem man das Hybrid-Piano sowohl für die elektronischen Klänge als auch für die akustischen Töne zur Intonation und somit zur Fein-Ausrichtung der Tonhöhen befähigt, die eines der wesentlichen ursprünglichen Stilmittel ist, um musikalischen Sequenzen im Kontext ihrer musikalischen Intention mehr Ausdruck zu verleihen,
  • indem man die Veränderung der Tonhöhe nicht mehr wie beim Midi-Master-Keyboard manuell über das so genannte Pitchrad (vom Englischen Pitch für Tonhöhe) durchführt, sondern sie an ein Pedal delegiert, um beide Hände weiterhin für das Spiel auf der Klaviatur frei zu halten,
  • die Belegung dieses Pedals nicht auf die Gestaltung der Intonation eingeschränkt wird, sondern mit verschiedenen Effekten im Verlauf des Spiels frei gestaltet werden kann. Von dieser Funktionsvielfalt abgeleitet könnte es die Bezeichnung Effekt-Gestaltungs-Pedal erhalten. In einer derartigen Namensgebung eröffnet sich ein riesiges Spektrum musikalischer Gestaltungs-Phantasien, denn nun kann der Klavierspieler nicht mehr nur wie aktuell aus einigen Sounds auswählen, sondern musikalische Sequenzen im Kontext ihrer musikalischen Intention zusätzlich mit Klang-Effekten im Ausdruck individuell hervorheben, betonen, akzentuieren − und zwar jeder Interpret ganz nach seinem eigenen Gutdünken und seiner Befindlichkeit!

Sie haben es längst bemerkt: Das Thema der Musikalischen Gestaltung bekäme mit einem solchen Musikwerkzeug eine völlig neue Bedeutung und die Nutzer derartig konzipierter Musikinstrumente erhalten großartige Gestaltungs-Spielräume. Vermutlich haben Sie sich wiederholt dabei ertappt, wie Ihr Das-will-ich-haben-Instinkt bei einigen der neuen Möglichkeiten regelrecht angesprungen ist. Das heißt, über das Potenzial der neuen Eigenschaften eines Hybrid-Pianos werden Sehnsüchte der musiksensiblen Menschen angesprochen. Sich in diesem Spielraum zur Gestaltung auf dem Spielfeld der Musik zu bewegen, betrifft einen umfassenden Komplex aus emotionalen, psychologischen und seelischen Bedürfnissen. Aus dem Prozess der Entfaltung der musikalischen Talente entsteht am Ende eine Gestaltungs-Kompetenz, die wie maßgeschneidert in das Anforderungsprofil unserer Zeit passt. Aber dieser Zusammenhang wird meiner Ansicht nach bislang weder von den Instrumentenherstellern noch von den Musikpädagogen in seinem Ausmaß erkannt und mit dementsprechenden Angeboten unterstützt. Gestaltung ist ein zur Anpassung völlig konträres Paradigma: Anpassung wird erzwungen. Gestaltung ist ein Grundbedürfnis im Ringen um den Mehrwert des Lebens, nämlich Lebensqualität. Was Sie soeben beim Lesen empfunden haben, sind Resonanzen hinsichtlich potenzieller Angebote. Um die dahinter stehenden Bedürfnisse möglichst umfassend und sensibel bedienen zu können, bedarf es einer Form des Marketings, das sich auf diese Resonanzen der in uns bereits vorhandenen Sehnsüchte einschwingt.

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