Gibt es Marktchancen für das Hybrid-Piano?

Zum Schluss wollen wir einen Blick auf die Entwicklung der aktuellen Nachfrage werfen. Wir wollen untersuchen, ob das Hybrid-Piano den Markt beleben könnte. Dazu müsste diese Idee auf echte Sehnsüchte und Bedürfnisse der Tastenspieler treffen, dementsprechend die Phantasie beflügelnde Resonanzen auslösen, um für die Hersteller zu einem reizvollen Thema zu werden.

Zum Seitenanfang Eine kurze Marktanalyse

Der Markt für klassische Musik

Dieser Markt unterteilt sich in

  • Noten und somit die Abbildung bereits bestehender Kompositionen
  • CD, DVD und Video, die an der Herstellung beteiligten Studios, der Vertrieb und Plattformen im Internet
  • Konzerte, Künstler sowie die Organisation der Veranstaltung
  • Klassische Musikinstrumente, deren Hersteller und Händler
  • Musikunterricht, Musiklehrer und Musikschulen
  • Software für Notensatz, Gehörschulung, Musiklehre, Komponieren, etc.
  • Literatur rund um die klassische Musik

Klavier wird nach wie vor gespielt, denn wie eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung am 30. Juli 2010 ermittelt hat, liegt die Klassik den Deutschen immer noch am Herzen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. Juni 2010 wird sogar die Meinung vertreten, 70 Prozent der Deutschen würden gerne Klavier spielen, wenn sie es denn könnten. Die Grundlage für diesen Wunsch ist die hohe Anerkennung und Wertschätzung des handwerklichen Könnens. Denn Können ist und bleibt das Ergebnis von investierter Zeit und Energie. Um eine konkrete Zahl zu nennen: Man spricht von einem Könner bzw. Meister, wenn er sich mindestens 10.000 Stunden mit seinem Thema praktisch auseinander gesetzt hat.

Trotz dieser hohen Anerkennung gegenüber den Künstlern ist die Nachfrage an klassicher Musik auf CD und DVD rückläufig. Zum einen mag dafür die Tatsache verantwortlich sein, dass sich der gesamte Markt für CD und DVD dank der Streaming-Möglichkeiten aus dem Internet auf dem Abwärtstrend befindet. Aber auch die Schnelligkeit der Globalisierung trägt ganz wesentlich zu der veränderten Einstellung gegenüber der Klassik bei. Wie ich weiter unten erläutern werde, liegt hierin eine Chance für die Klassik, nämlich den regionalen Bezug und somit die Wurzeln zur Heimat zu stärken.

Letztendlich sind auch die klassischen Konzerte von der innerhalb kürzester Zeit verloren gegangenen Wertschätzung der eigenen Kultur betroffen. Im Publikum mangelt es daher an jungen Klassik-Fans. Gegen diesen Trend arbeiten bislang nur wenige Konzertveranstalter sowie Musiker erfolgreich: Hervorzuheben sind hier die Berliner Philharmoniker mit einer ganzen Reihe von interessanten Projekten unter dem Stichwort Education sowie der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim mit seiner Idee vom Musikkindergarten, die sich bereits als neues Angebot in vielen Gemeinden etabliert hat. Insgesamt steckt die klassische Musik in der Zukunftskrise. Den Abwärtstrend bestätigen die neusten Zahlen der deutschen Klavierhersteller:

  • Die Produktionszahlen sind weiterhin rückläufig.
  • Die deutschen Hersteller verkaufen in Deutschland hauptsächlich Zweit- und Drittmarken Made in China.
  • 65 Prozent der in Deutschland hergestellten Klaviere und Flügel werden im Ausland gekauft.
  • Schon längst bezeichnen die Klavierhersteller Europa als einen Gesättigten Markt. Daher ist die Bereitschaft höher, den neuen Märkten in China zu folgen, anstatt die Märkte vor Ort mit reizvollen Impulsen zu reanimieren. Der Geist unserer Urgroßväter, die noch nach maximaler Qualität strebten, ist längst von dem Ungeist der höchstmöglichen Gewinnnmargen verdrängt worden.

Wenn man sich den Werbefilm des japanischen Herstellers Kawai betrachtet, dann bekommt man eine Ahnung davon, warum nicht nur der weltgrößte Klavierhersteller aus Japan kommt, sondern auch 50 Prozent der Klavierspieler aus Deutschland mit japanischen Marken zufrieden sind:

Kann sich die deutsche Klavierindustrie gegen den Untergang noch wehren, oder sind die Signale aus der Klavierbranche lediglich ein Satz eines Requiems, das durch den Konzertsaal der Deutschland AG donnert? Wie glaubwürdig sind die neuen Konzepte, wenn erfolgreiche Partner wie Yamaha bei Schimmel aussteigen? Wo sind die Hoffnungen geblieben, auf der Klaviatur des Weltmarktes mitspielen zu können?

Zum Seitenanfang Kann man Erfolg einfach kopieren?

Erfolgsgeschichten, die zum Nachmachen einladen

Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Firma Yamaha bereits mehrfach erwähnt worden ist. Ist Ihnen bekannt, dass Yamaha der mit Abstand größte Hersteller von Klavieren ist? Nein, dann wissen Sie vermutlich auch nicht, dass Yamaha ein Drittel seiner Pianos mit integrierter Elektronik verkaufen konnte? Sie wollen wissen, wie man diese Leistung in das richtige Verhältnis setzen kann? Hier einige Zahlen:

  • Yamaha hat im Zeitraum von rund 100 Jahren in Japan über 6 Millionen Klaviere und Flügel produziert.
  • Ein guter deutscher Klavierhersteller wie Schimmel konnte im gleichen Zeitraum rund 350.000 Pianos herstellen.
  • Die Premiummarke Steinway hat es im Vergleichszeitraum auf mehr als 600.000 Instrumente gebracht.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von Yamaha? Es sind sicherlich mehrere Faktoren für den Erfolg verantwortlich. Aber nachahmenswert erscheint mir ein wesentlicher Vorgang, der wie ein Katalysator auf den Produzenten von Musikinstrumenten gewirkt haben muss. Das war die Entscheidung der Japaner, dass jedes Kind in Japan ein Musikinstrument lernen sollte. Der Hintergrund dieser nationalen Entscheidung war die Vorwegnahme der Erkenntnisse, die uns heute von den Neurologen nachgeliefert werden: Musizieren wirkt sich positiv auf die Entwicklung aus.

Wenn wir also etwas kopieren sollten, dann ist es die Entscheidung für eine intensive da lohnenswerte Auseinandersetzung mit der Musik. Seltsamerweise studieren wir Krankheiten, um herauszufinden, was Gesundheit ist, und rechtfertigen diese Vorgehensweise als wissenschaftlich. Daher erlauben Sie mir gleich am Anfang den Hinweis, dass z.B. bei schweren Hirnverletzungen die Musiktherapie im Vergleich zu anderen Therpien unbestritten die wirkungsvollste Hilfe bietet.

Hinsichtlich der Entscheidung der Japaner zugunsten der optimalen Entwicklung der Kinder wissen wir heute dank der Erkenntnisse der Hirnforschung, dass sich die positive Wirkung des Musizierens nicht auf die Heranwachsenden beschränkt. Vielmehr lässt sich das Musizieren für jede Entwicklungsphase nutzen.

Um Musik in der ganzen Bandbreite der Möglichkeiten sinnvoll nutzen zu können, könnte ein erster Schritt darin bestehen, entsprechend funktionale Werkzeuge für Musikinteressierte zu entwickeln, die einen vielfältigen Zugang zur Musik erlauben. Es gilt für die Kunden Mehr-Wert zu schaffen. Daher sollte die Orientierung bei der Entwicklung der Instrumente (= Werkzeuge) auf der erfolgreichen und das heißt genau genommen auf der einfachen Nutzung liegen.

Apple macht es gerade mit den so genannten Apps (= Anwendungsprogrammen) für iPhone, iPod touche und iPad vor, wie man mit

  • einfacher Bedienbarkeit,
  • vielfältigen und
  • individuell kombinierbaren Anwendungen sowie
  • im Zweifelsfall durch die Erfindung eines technischen Mediums (dem iPad)

einen neuen Markt inszenieren und erobern kann. Dazu nutzt Apple interessanterweise ein Ur-Element der Kommunikation, nämlich die Zeigegeste, mit der man diese elektronischen Plattformen bedienen kann. Das Bedienen der Geräte ist aber genau genommen bereits eine Form der Kommunikation und daher sind die Anwender gerade solch intuitiven Zugängen gegenüber aufgeschlossen. Schließlich ist der Mensch ein soziales und somit kommunikatives Wesen. Einfachheit in der Nutzung löst in diesem Fall sogar bei den technologiefernen Kunden Faszination, Begeisterung und letztlich Kauflust aus. Sie haben es beim Lesen dieser Zeilen längst erkannt: Auch Erfolg kann einfach sein!

Aus der Kategorie der Hybrid-Pianos bietet das Modell AvantGrand von Yamaha den Nutzern ein solches App: Es ermöglicht zusätzlich zum ganz normalen Spielen das Einspielen und Speichern eines Parts, um zum Beispiel mit sich selbst vierhändig Klavier spielen zu können. Der zweite Part wird dann live zu dem gespeicherten ersten Part gespielt. Dafür wird dem Anwender genau eine Spur zum Aufzeichnen sowie für die anschließende Wiedergabe angeboten. Das sind noch nicht viele Möglichkeiten, sondern lediglich eine weitere Möglichkeit. Doch diese Erweiterung der grundsätzlichen Möglichkeiten trägt dazu bei, für die Klavierspieler einen Mehr-Wert zu erzeugen.

Zum Seitenanfang Für welches Instrument hat Bach die Kunst der Fuge komponiert?

Die Kunst der Fuge

Johann Sebastian Bach ist uns am Anfang des Themas aufgrund seines Wunsches nach einer Stimmung begegnet, mit der er das Potenzial aller Tonarten ausschöpfen konnte. Der Komponist hat sich ebenso beim Klang zu Wort gemeldet, als er das damalige Hammerclavir wegen seines schlechten Klangs ablehnte. Seine Kritik enthielt die Forderung nach der Entwicklung zum Wohlklang, wie er 1826 durch die Gestaltung der Oberfläche der Pianohämmer mittels Filz anstelle von Leder möglich wurde.

In Verbindung mit den Aufzeichnungen der Kunst der Fuge stellt der Pianist Pierre-Laurent Aimard die Frage: Für welches Instrument hat Bach dieses Werk eigentlich komponiert? Zu den umfassenden Vorbereitungen für diese Aufzeichnungen bietet der Kinofilm Pianomania interessante Einblicke. Die Wünsche des Pianisten führen den Klavierstimmer und -techniker an die Grenzen des Konzertflügels. Die Schlußfolgerung des Bedarfs an einem echten Hybrid-Piano ist daher nahe liegend.

Ging es Bach mit der Bearbeitung der Fuge auschließlich um die hohe Kunst der Komposition? Oder verspürte er als Musiker in sich den Keim der Vision eines allumfassenden Clavirs, mit dem man im Sinne der Übersetzung des lateinischen clavis den Schlüssel zu mehr Möglichkeiten der Klanggestaltung sowie der Modulation des Tons bekommt? Impliziert die Fuge im Sinne des Wortes Verbindung das schöpferische Ringen um eine stärkere Integration des Klangs als ein wesentliches Element des musikalischen Ausdrucks? Ist die Idee eines Hybrid-Pianos also gar nicht neu? War dieser Entwicklungsschritt als Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit schon in der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach angelegt?

Diese Gedanken lassen das Hybrid-Piano in einem neuen Licht erscheinen. Die Wünsche der Pianisten nach einer stärkeren Beeinflussbarkeit des Klangs als Gestaltungsmittel der Interpretation werden fundiert und nachvollziehbar. Die Argumentation positioniert uns als Zuhörer an der Seite der Künstler, die in ihrer Rolle als Botschafter des genialen Geistes der Komponisten nicht einfach nur deren Musik zelebrieren. Der Mehr-Wert der Konzertpianisten besteht in der Übersetzung der musikalischen Ideen in zeitgemäße Klangkunst. Beim Konzertbesucher wird der Innere Dialog über die emotionalisierende Gestaltung der Performance ausgelöst. Das heißt, ein gelungenes Konzert versetzt die Zuhörer in eine Art Wachtraum, durch den die Musik erst ihren persönlichen Bezug und somit Tiefe bekommt. Um uns den Zugang zu diesem phantastischen Erlebnis zu erleichtern, fordern heute die Pianisten stellvertretend für die Komponisten die Entwicklung ihrer Präsentationswerkzeuge. Pierre-Laurent Aimard beschreibt diesen Auftrag in dem von mir bereits verlinkten Artikel der FAZ mit den Worten:

"Bach reduziert uns nicht auf das Ursprüngliche, sondern fordert uns zum Unendlichen auf. Er hat alle Tricks benutzt, die einem Schöpfer zur Verfügung stehen, hat imitiert, transformiert und immer wieder Grenzen überschritten, um ein bestimmtes Problem zu fokussieren."

Und als Klavierspieler? Selbstverständlich, als Klavierspieler sind wir nun genauso neugierig auf die Möglichkeiten, die uns in Zukunft das Hybrid-Piano bieten wird!

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